Es war einmal ein junges Mädchen, das lebte allein bei seinen Eltern im Wald. Es lebten keine anderen Menschen dort und das Mädchen fühlt sich oftmals einsam. Das einzige Dorf in der Nähe war viele Kilometer weit weg.
Sie fragte sich, wieso sie nie mit den anderen Kindern in ihren Alter spielen durfte und als sie dann älter wurde, wieso es ihr nicht gestattet war, mit anderen Menschen reden zu dürfen. Wenn sie in den Spiegel schaut, so sieht sie ein normales Mädchen und kann nichts ungewöhnliches feststellen, was dieses Alleinsein rechtfertigt. Sie sieht ein zierliches, hochgewachsenes Mädchen mit blonden Zöpfen und einem glitzernden Schweif, das auf den Namen Marie hörte. Alles völlig normal.
Marie sitzt auf ihrem Bett und stutzt ihren Flügel, während sie ihren Schweif hin und her wedeln lässt und darüber nachdenkt, eines Tages fortzulaufen. Eigentlich mangelt es ihr an nichts, sie bekommt von ihren Eltern alles, was sie braucht. Und bekommt sie etwas nicht, so liegt das nur daran, dass ihre Eltern der Meinung sind, dass sie es nicht braucht. Nur weggehen lassen sie Marie niemals. Sie meinen immer, die anderen Menschen würden gemein sein.
So verbringt sie ihre Zeit damit, sich Geschichten auszudenken und sich vorzustellen, wie es wäre, sie anderen vorlesen zu können. Was man gemeinhin wohl als Erfolg bezeichnen würde, das ist Maries größter Traum – irgendwann einmal einen Bestseller schreiben.
Eines Tages ist es besonders schlimm mit der Einsamkeit, es ist einer dieser Tage im Kalender, an denen man am besten gar nicht erst aufsteht. Maries Eltern waren ins Dorf gegangen, um neue Kleider zu kaufen. Es war nie leicht, etwas Ansehnliches mit zwei Löchern auf dem Rücken zu finden, das Platz für ihre Flügel bot.
Marie geht allein im Wald spazieren und steht plötzlich vor einem Meer, das in einem Wald an sich
nichts zu suchen hat. Aber da Marie keine anderen Wälder kennt, nimmt sie an, dass das schon in
Ordnung ist. Es ist ein großes, silberglitzerndes Meer und Marie bleibt wie so oft schon davor stehen und sieht
ins Wasser.
Es ist ihr von kleinauf strengstens untersagt worden, jemals dieses Wasser zu überqueren. Nur ihre
Phantasie vermag ihr zu zeigen, was auf der anderen Seite zu sehen ist. Gefahren lauern dort, ist die elterliche Erklärung und sie regen sich immer fürchterlich auf, wenn Marie mit den simpelsten Fragen ankommt. Einmal hatte sie bloß wissen wollen, wie es kommt, dass erwachsenen Menschen die Flügel abfallen. Sie sei reiner als sie, hatten ihr die Eltern gesagt. Reinheit. Was mag das bedeuten?
Ebenso wenig ist ihr bewusst, wieso die Eltern ihre Schweife immerzu verstecken. Marie kann sich
nicht erinnern, wann sie sie je gesehen hat...
Wie sie da so am Meer sitzt und über das Wasser sieht, sinniert sie darüber, welch große Ungerechtigkeiten einem kleinen Mädchen auf der Welt widerfahren können (natürlich hat sie keine Ahnung von der Welt und glaubt, dass sie nur lange genug geradeaus zu gehen braucht, um von der Scheibe zu fallen).
Plötzlich sieht sie kleine Wellen tanzen. Diese Wellen werden größer, ihre Bewegung schneller und schon bald scheint das gesamte Wasser durchgeschüttelt zu werden. Wie aus dem Nichts erscheinen zwei kleine Hörner auf der Wasseroberfläche. Das Mädchen erschreckt zutiefst und steht schnell auf, ist aber zu neugierig, um einfach davonzulaufen.
Den Hörnern folgt bald schon ein rosafarbenes, schuppiges Etwas mit blauem Haar, dann zwei schwarze, große Knöpfe, die unterhalb der Hörner angebracht sind. Diese Knöpfe erweisen sich als zwei Augen, die zu einem rosa Gesicht gehören. Nur ist es kein Gesicht, wie Marie es gewöhnt ist, nein, es ist ein Gesicht, wie sie es aus alten Büchern kennt. Es ist das Gesicht eines Drachen. Zumindest vermutet Marie, dass es das Gesicht eines Drachen ist. Da sie nicht gerade behaupten konnte, viele Menschen gesehen zu haben in ihrem jungen Leben, hätte das ebenso gut einer der Ausländer sein können, von denen ihre Eltern so viel berichten.
Der Drache blickt das Mädchen aus großen Augen an, gluckst dann und lässt das Meer überschwappen bei seinen Bemühungen, elegant aufzutauchen. Marie wird dabei völlig durchnässt und starrt das Bonbonfarbene Schuppenungetüm sprachlos an.
„Was ist?“ schnappt der Drache mit einer weiblich krächzenden Stimme, „hast du denn gar keine
Angst? Ich bin ein Drache!“
„So ein Unsinn“, Marie macht eine wegwerfende Handbewegung, „du bist doch kein Drache.“
„Natürlich bin ich das!“ empört sich das Wesen und stemmt die Krallen in die Seite.
„Aber Drachen sind doch grün und nicht rosa“, belehrt Marie mit einer unschuldigen Weisheit, „also kannst du keiner sein.“
Der Drache heult laut auf und wendet sich dann demonstrativ ab. „Wie gemein von dir...“ , schluchzt das pinkfarbene Schuppenknäuel, „woher weißt DU schon, wie ein echter Drache aussieht.“
„Ich weiß es eben“, beharrt das Mädchen mit dem Schweif und wackelt mit den Flügeln.
„Gar nichts weißt du“, schreit der Drache empört und holt tief Luft, um eine Fontäne zu speien, die
in einer gigantischen rosa Kaugummiblase endet.
„Da siehst du's, nicht mal feuerspeien kannst du!“ stichelt Marie weniger unschuldig und lacht wiehernd.
Die Drachendame schnäuzt laut in ein pastellfarbenes Taschentuch und wirft Marie einen empörten Blick über die Schulter zu. „Und was bist du überhaupt für ein Pferd? Hast weder Hufe noch läufst du auf vier Beinen.“
„Ein Pferd?! Aber ich bin doch kein Pferd!“ ruft Marie zornig, „ich bin ein Mensch!“
„Ein Mensch!“ die Drachendame lacht laut schallend auf und gluckst und weint zugleich, was Marie ein
bisschen an das Entkorken einer Flasche erinnert. Da das seltsame Wesen allerdings schon bei der Erwähnung seiner Schuppenfarbe leicht sensibel reagiert, befindet sie es für besser, den Vergleich mit der Flasche nicht laut auszusprechen.
„Ein Mensch...“ das Ungetüm rollt sich platschend durchs Wasser – die entkorkte Flasche wird geschüttelt, könnte man praktisch sagen - und hält sich den geschuppten rosa Bauch vor Lachen.
„Nun hör aber auf mit dem Theater! Ich bin kein Pferd!“ Marie ballt die Fäuste, zieht die Nase hoch, dreht sich mit einem entschiedenen „Pöh!“ auf dem Absatz um und stapft wütend davon.
Zuhause will sie dann aber vorsichtshalber doch von ihren Eltern wissen, ob sie wie ein Pferd aussieht. Man kann ja nie wissen, wie man auf Ausländer wirkt.
Nachdem ihre Mutter ihr einen mitleidigen Blick schenkt und ihr Vater sich mit den Worten „Weißt du, das kann man so nicht sagen...“ eindeutig im Text vertut, schnaubt Marie böse aus der Nase und beschließt mit dem Trotzkopf eines nicht mehr ganz so kleinen Kindes, ihre Sachen zu packen.
Sie läuft in dieser Nacht weg, endgültig.
An dem See angekommen, stellt sie sich dicht an das Ufer und brüllt: „Hey, Drache, komm sofort raus! Ich will, dass du mich auf die andere Seite bringst!“ Stille. Marie bläht schnaubend die Nase.
„Na los, komm sofort raus da!“
Kleine rosa Bläschen blubbern an der Wasseroberfläche und steigen langsam auf. Kurz darauf erscheinen zerzauste blaue Haare und die bekannten pinken Schuppen. „Ja bist du denn völlig wahnsinnig geworden?“ krächzt die Drachenfrau ungehalten und verschlafen, „was soll der Radau, wieso sollte ich das tun?“
„Weil ich sonst allen erzähle, dass du gar kein echter Drache bist!“
„Jaah, da ist bestimmt noch keiner drauf gekommen.“ Der Drache rollt genervt mit den Augen, zieht betont schniefend die Nase hoch und zupft mit rotlackierter Kralle ein graues Haar von ihrem Kopf.
„Sogar graue Haare machst du mir, Pferdemädchen.“ Die Angesprochene macht gerade den Mund auf, um etwas – sicherlich weniger schmeichelhaftes - zu erwidern, da hebt der Kaugummidrache die Kralle. „Na meinetwegen, ich bringe dich rüber, wenn du dann endlich Ruhe gibst.“
„So, da wären wir. Endstelle: Märchenwald.“ Auf der anderen Seite angelangt verschwindet die rosa Schuppenflasche blubbernd im Wasser, noch ehe der Passagier sich bedanken kann. Zwei Sekunden des Nachdenkens später kommt Marie zu dem Schluss, dass sie das sowieso nicht getan hätte.
Sie sieht sich um.
„Märchenwald...“ murmelt sie vor sich hin und bleibt prompt mit ihren Flügeln im nächsten Baum hängen, nachdem sich der Schweif im Gestrüpp verfängt. Ihr geht durch den Kopf, dass dies kein Ort für einen Menschen ist, als ihr einfällt, dass Drachen auch eigentlich nicht pink sind. Leider nimmt der Gedanke daran, dass es generell keine Drachen geben dürfte – weder pink, noch grün, noch lila getupft - den Umweg um ihren Kopf herum, statt durch ihn hindurch zu gehen. Dafür kommt sie aber zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass es offenbar doch mehr gibt, als ihre Eltern und ihre Bücher ihr beigebracht haben.
Außerdem hat das ganze, wie Marie nun geistesblitzartig einfällt, eine sehr interessante Konsequenz – Märchenwald, das kann doch nur bedeuten, dass sie hier auf die bunten und schönen Figuren ihrer geliebten Bücher treffen würde!
Und so beginnt das geflügelte Mädchen aufgeregt mit dem Schweif zu wackeln, als es drei roséfarbene, kleine Huftiere entdeckt. Sie laufen klimpernd an Marie vorbei, was diese nicht weiter verwundert, und quieken fröhlich und wild durcheinander, ehe sie von dem merkwürdig aussehenden Pferdekind jäh unterbrochen werden: „Ihr seid die drei kleinen Schweinchen, nicht wahr?“
Das erste der Schweinchen neigt den Kopf zu Marie, da es im Gegensatz zu den uns bekannten Schweinen nur Märchenschweinchen erlaubt ist, aufgrund ihrer Anatomie in den Himmel zu sehen.
„Die Drei kleinen Schweinchen!“ äfft es entsetzt nach, „wie kannst du uns nur mit diesen Hosenträger tragenden Ferkeln verwechseln?“
„Seid ihr nicht? Aber ihr seid doch zu Dritt...“ widerspricht Marie.
„Und du bist bloß eine, trotzdem halten wir dich nicht für Aschenputtel. Ganz nebenbei, die ist nach Hollywood umgezogen.“
Das muss Marie einsehen und so fragt sie, was die Drei denn stattdessen sind.
„Als ob man das nicht weiß! Wir sind natürlich Sparschweine“, erklärte das Schwein und deutet auf den Schlitz im Rücken des Kameraden. „Und sofern du keine Münzen für uns hast, würden wir jetzt
gerne weitergehen. Wir sind zum Abendessen eingeladen.“
„Bei Verwandten?“ will Marie wissen.
„Nein, beim Wolf natürlich“, verbessert das Sparschwein ungeduldig und die zwölf Beine trippeln
klimpernd davon.
„Natürlich“, nickt Marie schnell.
Einige Momente später kommt Marie auf eine Lichtung. Auf einem Baumstumpf sitzt ein Mädchen und feilt sich gerade ihren Huf, während der vierte der sieben Zwerge sie naserümpfenderweise dabei beobachtet.
„Wer seid ihr?“ fragt Marie neugierig.
Während das Mädchen, das gar kein Mädchen ist, sondern eine Kuh mit sehr weiblichen Zügen, stumm weiterfeilt, blinzelt der Zwerg sie zornig an.
„Natürlich der vierte der sieben Gartenzwerge, das sieht man doch. Nicht zu verwechseln mit dem sechsten Zwerg, der gerade dabei ist, den achten zu verprügeln, da dieser nämlich in einem Märchen nichts zu suchen hat.“
Dieser Erklärung kann selbst Marie nichts hinzufügen. Davon abgesehen, dass sie an der Bedeutung des Wortes „natürlich“ allmählich zu zweifeln beginnt.
Die weitere Reise durch den Märchenwald bringt Marie zu verschiedenen Erkenntnissen. Zum Einen ist an Schneewittchen weder etwas Schneeweißes noch etwas Schwarzes, überhaupt sieht sie eher wie die Tochter eines zu groß geratenen Zwerges aus. Das, oder Zwerg Nummer weder vier noch sechs hat die Finger nicht von Schneewittchens Kleidern lassen können.
Und zum anderen ist das Haus hinter den sieben Müllbergen bei den sieben Gartenzwergen in Wirklichkeit nur eine andere Bezeichnung für das Knusperhäuschen der bösen Hexe, die gar nicht böse ist. Platzmangel, vermutet Marie. Auch ein Wald ist nicht unbegrenzt groß.
Doch ist hier das Auffälligste Rotkäppchen, denn das hat gar kein rotes Käppchen, sondern ein grünes.
Marie fragt sich, wie den Schreibern der bunten Geschichten ein solch schwerwiegender Fehler passieren kann. Vermutlich hatte Grünkäppchen wohl nicht so hübsch geklungen wie Rotkäppchen. Außerdem wäre ein grünes Rotkäppchen – ach es ist ja so schwer, es sich mit anderem Namen vorzustellen! - in einem idealerweise grünen Wald auch weniger aufgefallen (Begriffe wie Rot- Grün-Blindheit waren zu dieser Zeit nicht bekannt).
Enttäuschenderweise muss Marie beim Anblick der Helden feststellen, dass ihre geliebten Märchenbuchautoren sie auch hier eiskalt belogen haben, sie, und alle anderen Kinder. Denn die mutigen Prinzen mit den wallenden Umhängen, den starken Muskeln und stolzen Schimmeln stellen sich als wallende Prinzen mit leichtem Seegang und schimmelnden Umhängen heraus, deren starke Muskeln eher an knackende Knochen erinnerten.
Und überhaupt, wer bitte schön will schon einen Prinzen, der nicht einmal Flügel, geschweige denn einen Schweif hat? Immerhin könnte das erblich sein, da würde ihre Kinder ja ausgelacht werden!
Alles in Allem kommt Marie zu der Ansicht, dass sich ihr Besuch des Märchenlandes als eine wahre Lüge entpuppt hat, mit der sie all die Jahre lang groß geworden ist.
„Das einzig Echt hier bin wohl ich...“ seufzt Marie traurig und macht sich auf dem Weg zurück zu
dem rosa Drachen, der sie nach Hause bringen soll.
Dass sie selbst eine der größten Lügen darstellt, das wissen nur die Mäuse in ihren Höhlen unter der
Erde. Sie sind froh, dass das Pferdemädchen endlich wieder geht. Sie sind gerade mit ihrer Partyplanung beschäftigt, immerhin steht bald der Geburtstag von Hänsel und Gretel an, das wohl berühmteste Königspaar des gesamten Waldes. Die würden sicherlich nicht sehr erfreut darüber sein, würden sie wissen, dass eines der immerzu nörgelnden Märchenpferde hier gewesen ist.
Furchtbar, wie sie sich immer zu wichtig tun, in jedem Märchen aufzutauchen und dann auch noch
in jedem der Märchenbücher so hübsch dargestellt wurden.
Es würde wohl niemand darauf kommen, dass sie in Wirklichkeit hässliche, felllose Gestalten sind,
die dort, wo die Hufe sein sollte, bloß dürre Knochen hatten. Es war schon besser, dass arme zu groß geratene Zwerge sich ihrer angenommen hatten.
Ja, so ist es besser, denken sich die Mäuse und freuen sich, dass das empfindliche Gleichgewicht und die Harmonie des Märchens wieder hergestellt ist.
Das erfundene Märchen
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