Schon den ganzen Tag hat es geregnet. Dicke, perlengroße Regentropfen klatschen laut an das Fenster, der graue Himmel von dunklen Wolken verhangen, die Welt da draußen in ein trostloses Licht getaucht.
Es dämmert bereits und ich spüre die Nacht um mich herum.
Mit Wehmut stehe ich vor dem großen Fenster im Wohnzimmer, blicke in das Gesicht einer Frau, fremdartig vertraut scheint sie mir, ihr Blick in weite Ferne gerichtet, und doch den meinen erwidernd, ein trauriger Ausdruck auf ihrem Gesicht, der mich erschreckend an an mich selbst erinnert. Und obwohl ich weiß, dass ich mein Spiegelbild in der Scheibe sehe, obwohl ihre Augen und der traurige Blick die meinen sind, ist es eine fremde Frau, die ich ansehe, die mich ansieht, anklagend und flehend. Was ist nur aus ihr geworden, dass sie mir so fremd erscheint?
Und plötzlich ist die fremde Frau ein kleines Mädchen, nicht älter als zehn.
Sie steht hier, vor dem großen Fenster im Wohnzimmer, den müden Körper leicht angelehnt an den Fensterrahmen, die dünne Silhouette in ein viel zu großes Nachthemd gehüllt.
Die Vorhänge umspielen ihren zierlichen Körper, tanzen einen Tanz um sie herum. Der rote Läufer, auf dem sie steht, stellt einen merkwürdigen Kontrast zu ihren leuchtend blauen Socken dar.
Ich blicke ins Fenster und beobachte sie einfach. Stunden könnte ich sie beobachten, Tage, Wochen, und würde mich ihr nicht näher fühlen, als ich jetzt fühle, würde ich ihr nicht ferner sein, als ich ihr gerade bin. Sie ist ein Geheimnis, eines, das mich reizt, und mich erschreckt zugleich.
Das ich kenne und das ich trotzdem nicht zu lösen vermag.
Spärliches Licht tanzt zu der stummen Melodie des Abends, zu der sich auch die Vorhänge bewegen, wirft bunte Reflexe auf das dunkle, zu Locken geschwungene Haar, das ihr unordentlich und verspielt auf den Rücken fällt, ihr Gesicht liebevoll umrahmt. Der ernste Ausdruck passt nicht in das kindliche Gesicht, ich fühle, dass es nicht passt, wünsche mir, dass sie lächeln möge, will sie fröhlich sehen können, umhertanzend in dem weißen Nachthemd, lachend, den Mond anstrahlend. Doch gleichzeitig weiß ich, dass sie es nicht tun wird, nicht tun kann.
Der große, dunkle Raum um sie herum lässt sie zerbrechlich wirken, sie wirkt so klein und hilflos, die Stärke in ihrem Blick kommt dagegen nicht an, verliert sich im prasselnden Regen da draußen.
Schweigen erdrückt sie wie Donnerschläge, und ich wünsche mir mehr denn je, dass sie lachen möge, dass ihre Stimme den kalten Raum mit Wärme füllt. Doch sie schweigt, sagt kein Wort, schaut nur weiter ernst nach draußen.
Jemand kommt näher, durchschreitet das Zimmer, geht in die Mitte des Raums. Es ist ihre Mutter. Das Mädchen bewegt sich nicht, es scheint fast, als würde sie die Person nicht wahrnehmen, die ihre Mutter ist, die sich ihr nähert, in einigem Abstand stehenbleibt, etwas sagt. Das Mädchen antwortet nicht, sagt nichts, scheint nichts zu hören, und doch weiß ich, dass sie aufmerksam zuhört. Wie aus weiter Ferne dringen die Laute an ihr Ohr, die Frage, ob alles in Ordnung sei, und ich weiß, dass es eigentlich gar keine Frage ist, denn die Antwort ist bereits vorgegeben.
Es darf nur eine Antwort geben, nur eine Antwort gibt es, die die Fragende hören will, zulässt.
Ich hätte sie nicht ansehen sollen, zu schmerzhaft die Erinnerungen, doch wie ich sie dort stehen sehe kann ich nicht weg, muss sie ansehen, auf die Antwort warten, die ich bereits kenne.
Als ich den flehenden Blick im dunklen Fenster sehe, da raubt es mir fast den Atem, schnürt es mir die Kehle zu.
Sie nickt, und ich wünsche, dass sie nichts sagt, und doch weiß ich, dass sie es sagen wird.
„Ja“, sagt eine brüchige Stimme, kaum mehr als ein Flüstern. Die Mutter nickt, wirkt erleichtert, beruhigt, verlässt viel zu schnell den Raum. Sie hat ihre Bestätigung erhalten. Sieht nicht die großen Augen, die etwas anderes antworten als ein Ja.
Sieht sie sie nicht, oder will sie sie nicht sehen, frage ich mich, und ich kenne die Antwort.
Geh nicht weg, dreh dich um, halt sie doch einfach nur fest, will ich rufen, doch ich stehe nur genauso stumm dar wie das Mädchen. Unfähig, die Vergangenheit zu ändern, um ihre Zukunft zu verbessern.
Als sie weg ist, durchfährt eine flüchtige Bewegung den Körper des Mädchens, kaum wahrnehmbar. Nur das graue Mondlicht bricht sich in einer einzelnen Träne, die über ihre Wange rollt, verrät den stillen, heimlichen Kampf, den sie angetreten ist.
Mit einer ruckartigen Bewegung, die nicht zu der Ruhe hier drin passt, dreht sie sich plötzlich um, ihre braunen Augen blicken tief in meine Seele, und doch durch mich hindurch, blicken zur Tür, durch die die Mutter verschwand, suchen etwas, das nicht da ist.
Und schlagartig wird mir bewusst, dass es nicht Stärke ist, was in ihrem flehenden Blick liegt, sondern unendliche Traurigkeit.
Ich sehe in die großen, viel zu ernsten Kinderaugen, und alles, was ich sehe, ist Einsamkeit. Und mich selbst.
Ich blinzle und sehe wieder die Frau in der Fensterscheibe, die mich anblickt, klagend, bittend. Und hinter ihr nähert sich ein Schatten, größer als sie, tritt auf die zu.
Ich spüre zwei starke Arme, die mich umfangen, ein warmer Körper, der sich an mich drückt. Ich schließe die Augen, lausche auf das wohlige Gefühl der Geborgenheit, des Schutzes, genieße das Gefühl der Nähe und Vertrautheit.
Als ich die Augen öffne, da lächelt die fremde Frau, die nun nicht mehr fremd ist, und in ihren Augen sehe ich das Glück, lese ich den einen Wunsch, der so lange auf Erfüllung warten musste, den Wunsch des Mädchens, der Frau, meinen Wunsch.
Halt mich einfach nur fest.