Mauritia




Lino Cartner sah auf das kaputte Willkommensschild. Es fehlte genau der letzte Buchstabe, O, sodass in angelaufenen Bronzelettern ''Hell'' über der Tür stand.
Lino vergrub die Hände in den Hosentaschen und ließ seinen Blick über das eigenartige Bild schweifen, das sich ihm hier bot.
Hell. Das traf den Nagel auf den Kopf. Anscheinend war der Name hier Programm.
Ein Garten, der aussah, als hätte man ihn Jahre nicht betreten, Unkraut mit den Ausmaßen eines Schutzwalls, eine Art Sumpf, der wohl in seinen besten Zeiten ein Fischteich gewesen war.

Über die Anzeige für das Haus war er eher zufällig in der Tageszeitung gestolpert.
Jetzt, hier vor dem Haus, neben der gestriegelten Maklerin mit Dutt und Perlweiß-Lächeln, da musste er zugeben, dass das Bild des Hauses mehr versprochen hatte als das Original zu bieten hatte. Aber es war eine Bleibe, und die brauchte er, nun, da er nichts mehr hatte, seine Frau ihn rausgeworfen und alles verkauft hatte.

Die Maklerin griff in ihre Kostümjacke und holte einen alten Schlüssel hervor, wie man ihn aus alten Filmen kennt. Bis die Tür nachgab brauchte es zwei Versuche und einen gezielten Tritt mit den Highheels.

Innen war es dann, als würde er eine andere Zeit betreten. Ein unter Staub versteckter Schaukelstuhl, ein Kamin, der sich perfekt in eine Ecke schmiegte, Reste einer Tapete. Die Decke zierte edler Stuck, es stand da ein Herd, mit dem wohl schon seine Großmutter gekocht hatte. An der Wand hing ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Bild von 1935, das ein hübsches junges Pärchen zeigte; die Frau hatte sich bei dem Mann eingehakt und beide trugen altertümliche Kleidung.
Und dennoch, das Haus hatte Charme.

Nach einigen Wochen intensivsten Schuftens hatte er es geschafft. Das Haus war geputzt, neu tapeziert und repariert, das Dach war heil und der Garten hatte die Bezeichnung wieder verdient. Möbel und Bilder schafften Wohnlichkeit.
Lino hatte die Arbeit auf Händen und Knien gut getan, um mit sich selbst ins Reine zu kommen. Mittlerweile hatte er sich in dieses alte Haus verliebt.
An diesem Abend hatte er sich vorgenommen, sein Werk anständig mit einer Flasche Rotwein und einer guten Schokolade zu zelebrieren.
Gerade, als er einen Film aus der Zeitung ausgewählt und es sich bequem gemacht hatte, klingelte das Telefon.

Sein Beschluss, das penetrante Läuten zu ignorieren, scheiterte jäh.
Lino schlurfte zum Telefon und hob den Hörer.
''Cartner?'' meldete er sich brummend.
''Hallo, Lino, ich bin's'', meldete sich seine Mutter ekelhaft gut gelaunt.
''Hey. Was gibt's?'' Er war alles andere als in der Laune, mit seiner Mutter zu sprechen.
''Ich wollte nur hören, wie es dir geht, ob du dich schon eingelebt hast. Du hast dich nicht gemeldet... .''
''Sicher. Alles bestens.''
''Oh. Schön.'' Seine Mutter schien nicht recht zu wissen, wie sie beginnen sollte. ''Tja... und sonst? Ich meine, hast du nachgedacht?''
Lee runzelte die Stirn. ''Worüber?''
''Na, du weißt schon, über Susan. Ich meine, wie soll es denn jetzt weitergehen mit euch? Habt ihr geredet?''
Daher wehte also der Wind. Seine Mutter wollte wissen, ob sie ihre heiß geliebte Schwiegertochter verlieren würde.
Er atmete tief durch. ''Deshalb rufst du also an. Darauf habe ich gerade ehrlich keine Lust. Gib mir ein paar Wochen, um anzukommen, ja?''
''Du kannst dich aber jetzt nicht in diesem alten Gemäuer einigeln und darauf warten, dass es sich von selbst regelt'', protestierte seine Mutter.
''Ich hab nie behauptet, dass ich das vorhabe. Lass das mal meine Sorge sein'', antwortete Lino und rang sich alle Fassung ab.
''Aber...'', begann seine Mutter, doch er fuhr barsch dazwischen.
''Kein Aber. Ich bin alt genug, das alleine zu regeln, okay?''
Er seufzte und fuhr etwas ruhiger fort: ''Danke, dass du dir Sorgen machst, aber das musst du nicht. Ich melde mich. Mach's gut, Mum!''
Er legte auf und setzte sich kopfschüttelnd auf das Sofa.

Kaum hatte er nach der Fernbedienung greifen wollen, begann das Telefon erneut zu klingeln. Was jetzt, hatte sie einen Punkt vergessen?
Genervt sprang er auf und nahm ab.
''Was ist denn jetzt noch, Mum? Gibt es vielleicht noch mehr, dass du mir vorhalten kannst?'' Er seufzte wieder und begann sich mit der freien Hand die linke Schläfe zu massieren. Irgendetwas sagte ihm, dass dieser Tag mit Migräne enden würde.

''Ist Mauritia da'', fragte eine fremde Männerstimme, die definitiv nicht seiner Mutter gehörte.
''Nein. Hier ist Lino Cartner. Sie haben sich vermutlich verwählt'', antwortete Lino und war froh, dass ihm ein weiterer Smalltalk erspart bleiben würde.
Stille. Dann ein Knacken. ''Hallo?'' Nichts. Lino wollte gerade auflegen. Wieso konnten die Leute nicht einfach zugeben, wenn sie sich verwählt hatten?
''Kann ich Mauritia sprechen, bitte?'', bat die Stimme nach einer Pause erneut, als hätte Lino nie etwas gesagt.
Er seufzte. ''Es tut mir leid, aber es gibt hier keine Mauritia. Sie haben sich ganz bestimmt verwählt. Wie wär's, wenn Sie einfach nochmal neu wählen, ja?'' Schlug Lino vor und legte schwungvoll auf.

Gerade als er im Begriff war, sich wieder auf dem Sofa zu räkeln, klingelte es ein drittes Mal an diesem Abend. Sich zur Ruhe zwingend nahm er wieder den Telefonhörer in die Hand. ''Ja?''
''Mauritia?'' Wieder die Stimmte des unbekannten Anrufers.
Lino schloss für zwei Sekunden die Augen, massierte seinen Nasenrücken und zählte gedanklich bis drei ehe er antwortete. ''SIE schon wieder! Hören Sie, ich habe Ihnen doch erklärt, dass es hier niemanden mit dem Namen Mauritia gibt. Sind Sie sicher, dass Sie die richtige Nummer haben?'' Lino raufte genervt sein Haar. Ein Blick auf die Uhr ließ ihn missmutig feststellen, dass sein Film bereits begonnen hatte.
''Ich möchte mit Mauritia sprechen'', antwortete der Mann am anderen Ende der Leitung höflich.
''Wollen Sie mich einfach nicht verstehen oder kapieren Sie es wirklich nicht?'' Lino hatte inzwischen wirklich Mühe, ruhig zu bleiben. Wollte ihn hier jemand auf den Arm nehmen?
''Ist Mauritia da?'' fragte der Fremde erneut und trieb Lino damit endgültig zur Weißglut. Langsam aber sicher begann dieser Mensch ihm gehörig auf den Nerv zu gehen.
'' Wer zur Hölle sind Sie eigentlich?'', wollte Lino wissen und bemühte sich jetzt nicht einmal mehr darum, auch nur im Ansatz freundlich zu klingen.
''Mein Name ist Georg. Kann ich nun mit Mauritia sprechen?''
''Wissen Sie, Georg, Sie bringen mich langsam ziemlich auf die Palme. Wie oft soll ich es Ihnen noch sagen? Hier wohnt keine Mauritia! Mein Name ist Lino, ich bin ein Mann und lebe allein. Allein!'' Mit diesen Worten knallte Lino den Hörer mit samt Telefon auf den Tisch, krabbelte darunter und stöpselte das Kabel aus.

In diesem Moment klopfte es an der Tür. Lino befand sich auf allen Vieren vor der Telefonbüchse, stand auf und fluchte lauthals, als sein Kopf geräuschvoll unter die Tischplatte knallte.
''Das hat noch gefehlt'', murmelte Lino und warf der Tür einen wütenden Blick zu. Nach Besuch stand ihm noch weniger der Sinn als nach Anrufern. Er wollte doch nichts anderes als einen ruhigen Abend vor dem Fernseher mit seinem Wein und der Schokolade.
Es klopfte erneut.
Während er zur Tür stampfte rieb er sich den Kopf und ging in Gedanken alle durch, die ihn um diese Zeit besuchen konnten. Alles hätte er erwartet; jemanden aus der Nachbarschaft, Kinder, die Streiche spielten, ja sogar seine Mutter oder seine wütende Ex in spe. Doch als er die Tür öffnete, war da... niemand.
Irritiert blickte der Hausherr in das Dunkel. ''Hallo?'' Natürlich kam keine Antwort.
Er ging zurück ins Wohnzimmer und schloss die Tür.
Kaum dass die Tür geschlossen war, ließ ihn ein vertrautes Klingeln zusammenfahren. Wie um alles in der Welt war das möglich? Er hätte schwören können, den Anschluss herausgezogen zu haben!
Behutsam näherte sich Lino dem klingelnden Gerät und beobachtete es, als sei es eine Bombe, die bei falscher Berührung jeden Moment hochgehen konnte. Es klingelte und klingelte und schien wie ein hartnäckiges Insekt, das man nicht erschlagen konnte.
Ebenso wenig wie den Anrufer.

Lino wollte nach dem Hörer greifen, verharrte jedoch in der Bewegung und starrte entsetzt auf das ausgestöpselte Kabel am Boden. Seine Hand schwebte über dem Hörer und sein Herz setzte einen Moment lang aus, nur um dann mit doppelter Wucht weiterzuhämmern.
Er hatte sich also doch nicht geirrt!
Er sagte nichts, als er den Hörer mit zitternder Hand an sein Ohr hielt.
''Mauritia?'' Da! Wieder diese Stimme! ''Mauritia, Liebling, bist du das? Ich bin es!''
''Aufhören!'' Lino schrie jetzt fast, ''Verdammt, lassen Sie das! Wer immer Sie sind, das ist ein ziemlich dummer Scherz und nicht im geringsten komisch. Lassen Sie mich in Ruhe! Ich lasse den Anruf zurückverfolgen, ich zeige Sie an wegen Belästigung!'', brüllte Lino ins Telefon, selbst erschrocken von der Härte und der Lautstärke seiner Worte.
''Mauritia, ich liebe dich'', kam die gesäuselte Antwort aus dem Hörer, woraufhin Lino entschlossen das Telefon packte und es aus dem Fenster schmiss.
''Mir reicht's!'', schrie er dem Telefon hinterher, warf das Fenster zu, dass es nur so klirrte, und zog die Vorhänge zu. Wurde er jetzt endgültig verrückt?
Er schüttelte heftig den Kopf und fuhr sich nervös durch die Haare. Nein, irgendetwas Unerklärliches ging hier vor sich.
''Mauritia?'', vernahm Lino die inzwischen verhasste Stimme und blieb wie vom Donner gerührt stehen. Es gab keinen Telefonhörer mehr, aus dem sie dringen konnte. Sie schien im Raum zu schweben, wie ein Echo.
''Georg?'' gesellte sich nun plötzlich auch eine Frauenstimme dazu, was Lino nun endgültig aus der Fassung brachte. Das konnte doch alles nicht wahr sein! War er Opfer eines bösen Streichs? Befand er sich hier gar bei ''Verstehen Sie Spaß?'' oder ''Versteckte Kamera''?

Die weibliche Stimme war laut, nein, sie war schrill. Sie ließ das Haus erbeben.
Lino krallte sich ans Sofa und versuchte verzweifelt auf seinen Füßen zu bleiben. Der antike Kronleuchter an der Decke zitterte bedrohlich. Putz bröckelte von der Decke und rieselte auf Lino herab.
''Georg? Bist du da?'', die Stimme der Frau hallte mehrfach von den Wänden wider und mit einem Mal fegte ein ungeheurer Wind durchs Zimmer, alle Lichter erloschen und Türen und Fensterläden schlugen heftig an die Wand.

''Ja! Oh, Mauritia!'' flötete der Mann, ''Ja, mein Liebling, ich bin es!''
Lino grub seine Hände in das Sofapolster und bemühte sich nach Kräften irgendwie auf die Beine zu kommen. Der Wind mutierte zu einem ausgewachsenen Sturm, der sämtliches Inventar von seinem Platz riss. Irgendwas traf ihn an der linken Augenbraue.
Er verlor kurz den Halt und versuchte, das Sofa erneut zu greifen, doch es glitt einfach in die andere Richtung des Zimmers.

''Was zum Teufel geschieht hier?'', brüllte Lino und drückte sich an die Wand, seine Stimme verlor sich in dem Chaos. Es kostete ihn Mühe, gegen den wirbelnden Tornado in seinem Wohnzimmer zu kämpfen, noch mehr allerdings, sich einzugestehen, dass da überhaupt ein Tornado in seinem Wohnzimmer wütete.

Lino stieß sämtliche Flüche aus, die er kannte. Er hatte keine Ahnung, was für ein Spiel hier getrieben wurde. Alles, was er gewollt hatte, war ein stinklangweiliger Fernsehabend in seinem Sessel, der gerade durch die Tür in die Küche geflogen war. Bekommen hatte er einen Live-Horrorfilm, mit Plätzen in der ersten Reihe.
Laut stöhnend kroch Lino auf allen Vieren zum Treppenabsatz.
''Mauritia!“ jubilierte ein deutlicher erfreuter Georg, woraufhin jene ein glockenhelles Lachen lachte.
Er wollte nur noch weg, bevor das Haus über ihm zusammenfiel. Er riss sich Stufe um Stufe am Treppengeländer empor, das in den ersten Stock führte. Er schaffte es bis in sein Badezimmer, schloss die Tür hinter sich und ließ sich mit dem Rücken an der Tür entlang zu Boden sinken. Heftig atmend schloss er die Augen. Die Stimmen drangen nur noch gedämpft an sein Ohr, offensichtlich hatten sich seine 'Gäste' lediglich im Wohnzimmer niedergelassen.

Er versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, sofern das überhaupt möglich war, und überlegte, was da genau passiert war. Er war nicht wahnsinnig, soviel stand fest. Das, was immer es war, passierte tatsächlich. Und noch während er über das Wie nachdachte, überwältigte ihn die Erschöpfung.

Als Lino die Augen öffnete, drang helles Sonnenlicht durchs Fenster und kitzelte seine Nase. Er zog sich am Türgriff hoch und stöhnte, als er seine Muskeln spürte. Er musste die ganze Nacht über in der unbequemen Haltung dort gesessen haben.
Er hörte einen Wagen vorfahren. Lino trat ans Fenster und sah hinaus.
Eine junge Frau, die ihm bekannt vorkam, ging die Auffahrt entlang. ''Wollen Sie zu mir?'', rief er hinunter. Sie sah auf und nickte. ''Moment, bin gleich da!''
Er holte tief Luft, öffnete die Tür des Badezimmers und spähte in den Korridor. Nichts, kein Ton. Ob er nur geträumt hatte? Er fuhr sich durchs Haar, ein stechender Schmerz an der Braue war die Folge. Er tastete vorsichtig nach der Wunde. Nein, kein Traum.

Langsam näherte er sich der Treppe und mit jeder Stufe, die er sich seinem Wohnzimmer näherte, wurde ihm das Ausmaß der ausgelassenen Nacht deutlicher.
Nichts stand mehr an seinem Platz; Bilder waren auf dem Boden verteilt, Gegenstände lagen zerstört im Weg herum, er trat auf Scherben und ging an umgestürztem Mobiliar vorbei. Regale waren umgekippt und hatten den Inhalt unter sich begraben. Der Kronleuchter war inklusive einem Stück Decke von selbiger gefallen und thronte nun inmitten des zusammengebrochenen Wohnzimmertisches.
Treffender ließ sich dieser Anblick nicht beschreiben als mit dem Vergleich einer eingeschlagenen Bombe in das Wohnzimmer, kurz nachdem eine Herde tollwütiger Tiere es durchquert und auseinander genommen hatte.

Er warf einen flüchtigen Blick in den zerbrochenen Wandspiegel und stellte fest, dass er genauso elendig aussah wie er sich fühlte. Er wischte sich mit dem Ärmel durchs Gesicht und öffnete.
''Hallo, ich bin Laura Fey'', stellte sich die Besucherin vor, ''meine Großmutter hat mir das Haus vererbt, doch ich musste es verkaufen. Ich wollte sehen, ob sich der neue Besitzer hier wohlfühlt. Ich... oh!'' Sie sah auf einen Punkt am Boden. Lino folgte ihrem Blick und sah das Bild des Pärchens, das bei dem Chaos neben die Tür gewirbelt war.
Mit verklärtem Blick hob Laura es auf.
''Kennen Sie sie?''
''Oh aber ja'', sie lächelte, ''1935 wurde dieses Haus von dem jungen Mann hier erbaut, zu Ehren seiner Geliebten. Kurz vor der Fertigstellung zog er in den Krieg, in dem er heldenhaft sein Leben verlor. Zurück blieb die Frau mit ihrem ungeborenen Kind. Sie verließ das Haus, noch ehe es fertig gebaut wurde, seither wurde nie mehr etwas von ihr gehört. Man munkelt, dass ihre Geister auf jemanden warten, der das Haus fertig baut, deshalb bin ich es so lange nicht losgeworden. Das Haus steht seit jenem Tage jedenfalls leer.'' Laura streichelte liebevoll über das Foto. ''Das sind meine Großeltern, Georg Friedrich und Mauritia Eleonora.''
Lino schluckte und warf einen Blick hinter sich ins Zimmer. So sah es also aus, wenn Geister eine Einweihungsparty feierten.