Sie schrie und weinte aus Leibeskräften, sie stand inmitten des kleinen Raums und schrie all ihre Wut, all ihren Zorn und ihre unendliche Enttäuschung heraus. Sie krallte ihre Hände in ihr Haar und sank auf die Knie. Weinend brauch sie zusammen und fühlte die heißen Tränen, die ihre glühenden Wangen entlang strömten und auf den leuchtend blauen Teppich tropften. Ihre Fingernägel gruben sich schmerzhaft in ihre Kopfhaut, doch den Schmerz nahm sie nicht wahr. Lange Haarsträhnen lösten sich und fielen ihr ins Gesicht, während sie sich hin und her wiegte und ihr Schreien langsam verebbte. Schließlich weinte sie nur noch ganz leise, bis sie nicht mehr konnte. Sie barg ihr Gesicht in ihren Händen, bis dass auch das letzte Schluchzen erstickt war.
Erschöpft starrte sie mit verschleiertem Blick auf den Teppich, auf diesen furchtbaren Teppich, den ihr Mann so wundervoll fand. Es war gleich das erste, das er gesagt hatte, als sie hereingekommen waren.
Ihr Mann. Selbst gedanklich klang es komisch. Noch war er nicht ihr Mann, das würde er erst in zwei Tagen sein. Noch war er ihr Verlobter. Eine Verlobung, die sie sich nicht ausgesucht hatte.
Sie stand zittrig auf und ging zu dem Waschbecken der winzigen Kabine, an dessen Rand sie sich festhielt. Sie und Mike waren auf dieses Schiff gekommen um zu heiraten. Es sollte alles so wunderbar werden, so festlich, sämtliche Gäste waren bereits eingetroffen und das Schiff würde in wenigen Stunden ablegen.
Sie drehte den Wasserhahn auf und hielt ihre Hände unter den eiskalten Strahl, bis sie nichts mehr spürte.
Jeder glaubte, sie seien das perfekte Paar, etliche Freudensprünge und lauter gute Wünsche hatte sie bereits über sich ergehen lassen.
Als ihre Finger taub waren, formte sie mit ihren Handflächen eine Schale, in der sie das Wasser auffing, und tauchte ihr Gesicht darin ein.
Es klopfte. Sie rührte sich nicht und spürte nur die angenehme Kälte ihrer eisigen Finger auf ihrer Haut. Es klopfte erneut.
Resigniert hob sie den Kopf und sah in den Spiegel über dem Waschbecken. Ein verquollenes rotes Gesicht mit glasigen Augen starrte ihr entgegen. Sie zupfte an ihren Haaren und ließ sie ins Gesicht fallen, ein tiefer Seufzer folgte und sie schaute erneut in die verweinten Augen im Spiegel. Sinnlos.
"Kia, mach doch bitte auf!" drang es gedämpft durch die Holztür.
Sie nahm das Handtuch, das auf der Ablage lag, und hielt es sich halb vors Gesicht, als sie die Tür öffnete. Ein Mann in den Sechzigern sah sie streng an.
"Kia, was machst du denn? Wir wollen bald ablegen, du sollst... was ist mit deinem Gesicht passiert?" Diplomatisch wie immer, dachte Kia zynisch.
"Hab Seife ins Auge gekriegt. Was soll ich?"
"An Bord kommen." Er legte die Stirn in Falten und sah sie an. "Und mach' irgendwas mit deinem Gesicht."
"Tut mir leid, aber das ist angeboren,dagegen kann man nichts machen."
Er sog hörbar die Luft ein und Kia wusste, dass er sich gerade zusammen nahm. Als hätte er sie nicht gehört, fuhr er fort.
"Leg' Make-Up auf oder so. Und lass die Seife weg, man könnte ja fast meinen, du hättest geheult."
Ohne eine Miene zu verziehen sah sie ihn kalt an. Einen Augenblick lang schien er nachzudenken, ob er noch etwas sagen wollte, was offensichtlich nicht der Fall war. Er drehte sich um und sah nocheinmal kurz zurück. "Du beeilst dich, ja?"
"Ich werde rechtzeitig da sein, Vater", und damit schlug sie die Tür zu.
Wenig später hatte sie die gröbsten Spuren ihres Zusammenbruchs beseitigt, ein fliederfarbenes Kleid angezogen und das zerzauste Haar gebürstet und machte sich auf den Weg an Deck.
Noch ehe sie die Tür zum Deck geöffnet hatte, stürmten ihr bereits drei junge Frauen entgegen. Cherry, die älteste und vorlauteste von allen, hakte sich bei ihr ein. "Hast dich wohl hübsch gemacht für deinen Liebsten", grinste sie und stupste Kia mit der Schulter an.
Kia sah zu Boden.
"Nun ärgere sie doch nicht", mischte sich Vanessa schmunzelnd ein. Die blonde Frau war die jüngste unter ihnen und die erste, die verheiratet war, "du weißt doch, wie gut sie mit Komplimenten umgehen kann", scherzte sie, "Sie ist wie mein Bruder - am besten, du sagst ihr jeden Tag, wie furchtbar sie ist."
Einzig Lisa, die dritte im Bunde, sah Kia eindringlich an. Kia lächelte und verdrehte angesichts der beiden anderen genervt die Augen, was Lisa offensichtlich reichte, um ihre Besorgnis abzulegen. Sie war ihre Cousine und zugleich ihre beste Freundin. Sie von ihrem Glück zu überzeugen war Kia schwersten gefallen.
Sie alle drei waren Kia Brautjungfern und als solche gerade voll in ihrem Element. Sie kamen vor lauter Glück und Euphorie gar nicht auf die Idee, dass etwas nicht stimmen könnte, und klärten sie auf dem kurzen Weg von der Tür bis zu den anderen Hochzeitsgästen detaillgetreu über den aktuellsten Stand der Dinge auf.
Kia hörte überhaupt nicht zu. Als sie auf die anderen trafen, hob sie den Kopf und zwang sich zu einem Lächeln. Mühelos nahm sie freudestrahlend alle Glückwünsche entgegen, ließ sich umarmen und betonte, wie sehr sie sich freute.
Dann traf sie auf Kai, Vanessas Bruder, der ihr spielerisch in die Wange kniff. "Unsere Kleine wird heiraten", meinte er theatralisch und grinste. "Lass das", Kia wandte ihr Gesicht ab und lachte. Doch Kai beugte seinen Kopf und sah ihr in die Augen. Sie hasste sein Talent, jedem direkt alles anzumerken. "Alles okay bei dir?" Sie schwieg und lächelte nur.
"Natürlich ist alles okay", Mike trat fröhlich neben Kia und legte ihr seinen braungebrannten Arm um die Schultern, "schließlich wird sie bald den tollsten Kerl der Welt zum Mann haben."
Alles lachte, Kia auch, und niemand merkte, dass sie eigentlich schrie.
Ihr entging nicht Kais Blick, der auf ihr ruhte und dem sie auszuweichen versuchte. Innerlich zerbrach sie und sie merkte, wie ihre Fassade zu bröckeln begann, je länger er sie anstarren würde.
Unter dem Vorwand, ihre Verwandten sprechen zu wollen, schob sie sich aus Mike s Umarmung und zugleich aus Kais Blickfeld.
Der mintgrüne Hut mit der noch viel mintgrüneren Schleife reflektierte schon von weitem mit der Sonne um die Wette. Seine Besitzerin, eine Frau in den Sechzigern, wirkte verloren in dem eleganten pastellfarbenen Kleid und dem übergroßen Hut. Ihre überschminkten Augenringe entgingen Kia nicht.
"Kia", müde Augen blickten sie an und sie ergriff die Hände ihrer Tochter. Trotz der 25 Grad lief Kia eine Gänsehaut über den Rücken. Diese Frau, die da mit ihrem grauen Haar vor ihr stand, den riesigen Hut auf dem kleinen Kopf, sie war es, für die Kia das eigentlich alles tat. Und ihre Mutter hatte nichts besseres zu tun, als die Wahrheit zu ignorieren.
"Es freut mich, dich so glücklich zu sehen", lächelte ihre Mutter.
"Es freut mich, dass ich dich glauben machen kann, glücklich zu sein, Mutter." Die zierliche ältere Frau sah sie traurig an. "Nicht hier, Liebes, nicht hier. Genieße es einfach."
"Sicher..." Kia seufzte. Es machte sie wütend, dass eine gestandene Frau wie sie es einfach nicht wahrhaben wollte. "Wie läuft's?" Wechselte sie nach einer Pause das Thema.
Ihre Mutter wusste sofort, dass Kia das Hotel meinte. "Hervorragend. Die Umbauarbeiten sind beinahe abgeschlossen."
"Arbeiten, die nicht nötig waren", meinte Kia bitter, "Euch gefiel es vorher besser."
"Es war nötig."
"Ein überaus willkommener nötiger Zufall, um gleich das gesamte Hotel nach seinen Wünschen umzugestalten."
"Kia, du weißt, dass Baumängel festgestellt wurden und keine Gäste mehr einziehen durften."
"Und du weißt, dass es diese Mängel nur auf dem Papier gab. Er war es, der..."
"Kia, bitte, nicht jetzt!"
"Wann dann? Wann... ?"
"Bitte!" Ihre Mutter wies mit einer Augenbewegung nach rechts, knapp hinter Kia. Sie folgte ihrem Blick und entdeckte ihren Vater, der sie streng musterte. Die junge Frau schnaubte bitter und drehte sich auf dem Absatz um, um ein weiteres Mal in der Menge zu verschwinden.
Das Schiff legte ab und alle waren abgelenkt, sodass Kia unbemerkt an das Heck verschwinden konnte. Sie stellte sich vor, wie alles gekommen wäre, wenn ihre Eltern sich nicht verspekuliert hätten. Wenn sie nicht reingelegt worden wären von ihren langjährigen Partnern, den freundlichen Bartons, die ihnen die Aktien freundlicherweise gerade zu in mundgerechten Häppchen serviert hatten. Eine schöne Sache, wenn sie nicht alles verloren hätten und man ihnen beinahe ihr Hotel weggenommen hätte.
Es war alles so wahnsinnig schnell gegangen, von der Aussicht auf den Ruin bis hin zu dem Moment, in dem wichtige Unterlagen aufgetaucht waren und ihre Eltern den Bartons ihr falsches Spiel plötzlich beweisen konnten. Wäre es anders gelaufen, wenn sie den Drohungen des Ehepaares mehr Beachtung beigemessen hätten? Wieso nur hatten ihre Eltern Kia nicht zuhören wollen, als sie beinahe flehend vor ihnen stand und darum bat, es nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.
Und warum sahen sie das, was danach passierte, als bloßen Zufall an?
Kia hielt sich an der Reling fest und sah hinaus auf das Wasser. Das Meer brach sich in hohen Wellen am Heck des Schiffes. Ihr zerzaustes Haar wehte ihr um das Gesicht.
Nein, es konnte absolut kein Zufall sein. Wie hoch war schon die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet ein Mitarbeiter von Mr. Barton, seines Zeichens Inhaber eines Bauunternehmens, bei einer Übernachtung Baumängel entdeckte. Welchen Nutzen hatte es, dass er unwahre Fakten an die Presse weitergab. Plötzlich wussten alle bescheid und die Gäste blieben aus. Negative Schlagzeilen machten die Runde.
Ihre Eltern standen erneut vor dem finanziellen Aus, vor dem Nichts. Sahen sich in ihrer Existenz bedroht. Welch Schicksalswink, dass ausgerechnet da der edle Retter Mike auftauchte. Der Sohn reicher Eltern, der sich eine Existenz aufbauen wollte und sich anbot, das Hotel mit 51 Prozent zu kaufen und finanziell zu bezuschussen.
Ihre Eltern waren so dankbar, so naiv, dass sie überhaupt nicht bemerkten, wie abhängig sie sich dadurch machten.
Kia drückte das Geländer so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Ihre erste Begegnung mit Mike würde sie nie vergessen. Zunächst hatte er nur Kleinigkeiten gefordert. Hier ein kleines Treffen, dort ein gemeinsames Essen. Ihren Eltern zuliebe tat sie alles. Doch bald änderte sich alles, kaum dass sie seine Annäherungsversuche zurückwies. Plötzlich erpresste er sie, ihre Eltern fallen zu lassen, würde sie ihn abweisen.
Zu ihrer Familie konnte sie damit nicht gehen. Niemand glaubte ihr, wo doch Mike der perfekte Gentleman war, der ihr alles kaufte und alles gab. Doch Kia forschte nach... und stieß auf Fakten, die alles veränderten. Und doch konnte sie nichts tun.
Sie wusste nicht mehr weiter, starrte weiter auf das tosende blaue Wasser. Die Wirbel, die durch die Bewegungen der Schiffsschraube entstanden, die mit dem Geschrei der Möwen beinahe alles übertönte. Alles...
Kia Augen weiteten sich von einer plötzlichen Eingebung, die sie selbst so sehr überraschte, dass sie einen Moment glaubte, den Halt zu verlieren. Ihr Herz klopfte wie wild.
Ja, es lag zum Greifen vor ihr, es war der einzige Ausweg! Die einzige Möglichkeit, es zu stoppen, nachdem sie herausgefunden hatte, dass Mike in Wirklichkeit...
Ein Schatten legte sich vor Kia und sie wirbelte erschrocken herum.
"Tut mir leid", Kai hielt ihr ein Glas Saft hin, "ich wollte dich nicht erschrecken. Es ist nur... ich habe dich gesucht. Du warst plötzlich verschwunden"
Kia nahm das Glas entgegen und sah hinein. Ihre Wangen glühten und ihr Herz pochte so laut, dass sie glaubte, er müsse es hören. "Wieso?"
"Ich weiß nicht, wieso du verschwunden bist."
Kia grinste. "Wieso hast du mich gesucht?"
"Etwas stimmt nicht."
Verblüfft sah sie ihn an und schüttelte dann verwirrt den Kopf.
"Ich will wissen, was los ist. Ich mach' mir..."
"Nicht..."
"... Sorgen."
"Nein!" Rief sie entschieden und drehte sich nun endgültig zu ihm um. Überrascht sah er sie fragend an. Ihr Haar peitschte ihr in Strähnen ins Gesicht. "Nein", wiederholte sie, nun deutlich ruhiger, "bitte, mach dir keine Sorgen! Alles ist gut!" sie hob ihr Glas und stieß an das von Kai. "Ich bin nur sehr müde, meine Familie lässt mich keine Sekunde in Ruhe, und meine Brautjungfern... nun, ich denke, du kennst deine Schwester."
Er legte seine Stirn in Falten und schien zu überlegen, ob er ihr glauben sollte.
Zurück in ihrer Kabine entdeckte Kia ein kleines goldfarbenes Kästchen. Sie nahm es in die Hand und erkannte es als Schmuckschatulle. Im Spiegel bemerkte sie, wie Mike sich ihr näherte. Er lächelte und Kia erschauderte. Innerlich bebend und gezwungen lächelnd öffnete sie die Schatulle. Eine grobgliedrige silberne Kette mit einem riesigen Rubinanhänger, eingeschlossen in eine tropfenförmige Fassung aus Weißgold kam zum Vorschein.
Er lächelte stolz. "Die kannst du auf unserer Hochzeit tragen."
"Ich habe aber bereits eine Kette", erwiderte Kia und schloss automatisch die Hand um das herzförmige silberne Medaillon um ihren Hals.
"Sie ist alt, sie ist... winzig. Sie..."
"Ich finde sie schön!"
"Sicher findest du das, aber du findest auch deinen Morgenmantel schön und trotzdem trägst du ihn nicht auf unserer Hochzeit."
Es machte sie rasend, dass er wie mit einem Kind zu ihr sprach.
"Na komm, nimm das alte Ding ab! Nur mal zum Testen", er trat hinter sie und löste den Verschluss des Medaillons. Als er es auf die Kommode legen wollte, nahm sie es ihm ab und barg es in ihrer Hand. Er griff nach der Kette und legte sie ihr um ihren Hals.
Die Kette war grässlich, viel zu groß und viel zu pompös und aufdringlich hing sie da und funkelte mit sich selbst auf ihrem Dekoltée um die Wette.
"Wunderschön!" rief er aus, "findest du nicht auch? Sie gefällt dir, nicht wahr?"
"Du scheinst die Antwort ja zu kennen."
Er nahm ihren Sarkasmus gar nicht zur Kenntnis und nickte strahlend. "Ich wusste, dass sie dir gefällt!"
"Sie sieht teuer aus. Ich weiß nicht, ob es gut wäre, sie unter so vielen Leuten zu tragen."
"Es wird schon nichts passieren. Du bist die Braut, du musst schön aussehen."
"Aber ich möchte nicht die ganze Zeit darauf Acht geben, sie nicht zu verlieren. Ich fühle mich unwohl mit so wertvollem Schmuck. Was, wenn ich sie verliere?"
Er stand noch immer hinter ihr und sein Spiegelbild sah sie ernst an. "Es ist mir egal." Er bekam einen strengen Ausdruck. Nur zu gut kannte Kia diesen Blick. Er verhieß, dass es keine Wiederrede gab.
"Ich möchte, dass du diese Kette trägst." Er beugte sich zu ihr und wollte sie auf die Wange küssen, doch sie drehte den Kopf von ihm weg. Ein künstliches Lächeln umspielte seine Lippen. "Aber Liebling, du weißt doch, dass ich es nur gut meine. Du kannst glücklich sein, und du willst doch glücklich sein, nicht wahr?" Er drückte ihr einen Kuss auf den Hals.
"Nur das beste für dich, Schatz."
Am Tag der Trauung stand Kia allein in einem großen Zimmer und starrte die junge Frau im Spiegel an, die ihr aus großen Augen all ihren Kummer entgegenschrie. Kia schmerzte es, ihr nicht helfen zu können, und doch gab sie sich selbst das stumme Versprechen, dass alles gut werden würde.
Sie seufzte. Sie sah umwerfend aus. Einer schönen Braut würde man nur umso mehr ansehen, wie glücklich sie ist. Im Spiegel sah sie, wie sich die Tür öffnete und Vanessa eintrat. Sie hielt sich in einer theatralischen Geste die Hände vor das Gesicht und quiekte einen undefinierbaren Laut, dem ein langezogenes Oooh folgte. "Unglaublich!" sie umarmte Kia und umkreiste sie mit hochrotem Kopf. "Unglaublich!" wiederholte sie.
"Weiß ich. Was tust du hier eigentlich?" wollte Kia wissen.
"Du weißt doch, ich hab das schon hinter mir, und ich dachte mir, du brauchst eine kleine Ermutigung."
"Glaubst du das oder glaubt Mike das?"
Vanessa stellte sich vor sie und zupfte ihr den Schleier zurecht, dann strich sie ihr sanft über die Kette. "Nettes Geschenk", wechselte sie das Thema, "und so... groß. Ich wusste ja gar nicht, dass du auf sowas stehst."
"Nun, sie ist..."
"Nett", wiederholte Vanessa.
"Nett ist der kleine Bruder von Scheiße."
Vanessa öffnete verblüfft den Mund und brach dann in schallendes Gelächter aus. "Du musst ihn lieben, wenn du sie ihm zu Liebe trägst."
"Oder ich plane ihn umzubringen und erweise ihm die letzte Gnade", meinte Kia todernst. Vanessa riss die Augen auf, Kia grinste, dann lachte sie. Vanessa stimmte mit ein und schüttelte den Kopf.
"Du bist wie Kai! Das Leben hat sich was dabei gedacht, eure Namen aus den selben Buchstaben zu bilden. Nur beim Geschlecht konnte Gott sich nicht entscheiden."
Kia zuckte mit den Schultern. "Hat er doch super gelöst. Und jetzt weg mit dir. Dein Anstandsbesuch war erfolgreich, sag denen, dass ich nicht weggelaufen bin und sag meinem Vater, dass seine misratene Tochter keinen Rückzieher macht."
"Kia, er... er hat nicht..." "Schon gut", winkte sie ab und zwinkerte, "kleiner Spaß."
Die Trauung verlief so perfekt, blumig, harmonisch und edel, dass Kia keine Mühe hatte, die glückliche Braut zu mimen. Die größten Schwierigkeiten bereitete ihr der Kuss, doch gab sie sich alle Mühe, sich jemand anderen vorzustellen. Flüchtig warf sie einen gezielten Blick in die Menge.
Nach der anschließenden Feier zog sich das junge Paar zurück.
Am nächsten Morgen erwartete man das Ehepaar zum Brunch. Kia war eine der Ersten und wirkte erstaunt, als sie ihren Mann nicht fand. Sie erklärte, dass er bereits vor ihr die Kabine verlassen hatte und sie davon ausgegangen war, dass er schon da war.
Es verging eine Weile, in der sie beinahe unbeschwert den sonnigen Tag genoss.
Nach ein paar Stunden machte man sich auf, den Bräutigam zu finden. Irgendwann kam Lisa mit hochrotem Gesicht zu Kia, die mit einigen Gästen in der Kapelle nachschaute.
"Kia.... er... oh Gott, Mike, er..." Irritiert blickte die Braut ihre Freundin an. Vanessa und Sherry erschienen hinter Lisa. Vanessa weinte und ergriff Kias Hand. "Du musst jetzt stark sein."
Kia folgte ihnen an Deck. Am Heck des Schiffes hatte sich eine Traube Menschen versammelt. Sie entdeckte Kai in der Menge. Auch Kias Eltern standen dort. Als ihre Mutter sie sah kam sie auf sie zu und wollte sie umarmen, doch Kia schob sie von sich und drückte sich an den Leuten vorbei nach vorn.
Eine leere, zerbrochene Flasche Wein nebst Schuhen und einem Portemonaie waren alles, was man von Mike fand. Neben seinem Ausweis, der ihn als Mike White auswies, fand man einen weiteren. Dort stand, dass der Passinhaber, dessen Abbild eindeutig das von Mike war, Nicolas Barton hieß. Ein Raunen ging durch die Menge, überall wurde getuschelt. Ihre Eltern taten überrascht, doch in den Augen ihres Vaters konnte Kia lesen, dass er es wusste. Er hatte es immer gewusst.
Niemand zweifelte daran, dass Mike sich betrunken hatte und in einem Anflug von Panik, vielleicht sogar Reue, Selbstmord begangen hatte.
Nachdem man Kia zurück in ihre Kabine gebracht hatte, bemühte sie sich, allein zu sein. Lisa war die letzte, die sich abwimmeln ließ. Doch schließlich sah auch sie ein, dass Kia allein sein wollte.
"Wenn was ist... jederzeit." Kia nickte.
Lisa schwieg, dann atmete sie tief ein und aus.
Kia sah auf eine kleine Wölbung unter dem Teppich.
"Sicher. Wenn ich was brauche, melde ich mich."
Lisa lächelte und nahm sie in den Arm. "Nimm eine Tablette und leg dich etwas hin, ja?"
"Mach ich. Danke, Lisa."
"Pass auf dich auf. Komm zur Ruhe." Lisa ging zur Tür und blieb im Eingang stehen. Sie sah Kia traurig an. "Es tut mir so leid." Kia nickte mit einem schiefen Lächeln und atmete erleichtert auf, als Lisa die Tür hinter sich geschlossen hatte.
Kia strich sich die Haare hinter die Ohren und bückte sich. Sie hockte sich auf die Zehenspitzen und hob die Spitze des Teppichs an. Nicht das beste Versteck für einen solchen Gegenstand, aber sie wusste bereits ein besseres.
Seufzend stand Kia auf und ging zur Minibar. Sie entnahm eine Flasche Wein und strich über das Etikett. Ein ausgezeichneter Jahrgang.
Sie entkorkte die Flasche und goss sich etwas von dem Wein ein. Sie führte das Glas an ihre Lippen und nippte genüsslich daran. Ein herrlicher Tropfen. Fast so gut wie der, der neben Mike gelegen hatte.
Sie hüllte sich in ihren Mantel und ging mit der Weinflasche und einem Glas an Deck.
Funkelnde Sterne reflektierten im Wasser und der Nachthimmel spiegelte sich auf der Oberfläche.
Sie trank einen weiteren Schluck Wein und dachte darüber nach, wie einfach es gewesen war. Mit ausgestrecktem Arm hatte sie den Inhalt über den Rand des Schiffes ins tosende Wasser gegossen. Was für eine Verschwendung, dachte sie lächelnd, während sie sich erinnerte, wie sie zugesehen hatte, als sich der Strahl Rotwein ins Meer ergossen hatte und mit dem Blau verschmolzen war. Andererseits, als Hotelerbin würde sie noch oft genug in den Genuss eines edlen Tropfens kommen. Ob er nicht insgeheim doch gewusst hatte, dass sie ihm nur deshalb ihr Jawort gegeben hatte? Seine Ehefrau geworden war? Nur, um jetzt Witwe zu sein? Eine erbende, reiche Witwe.
Als auch der letzte Tropfen in die Tiefe geflossen war, hatte sie die Hand zurück gezogen und die Flasche zerbarst mit einem Klirren auf dem Holzboden, das von den brausenden Wellen verschluckt wurde.
Doch dieses Mal sollte nicht der Wein ins Meer. Sie griff in ihre Jackentasche und als ihre Finger kühles Metall ertasteten, zog sie die Kette hervor. Erstaunlich, wie robust Gold sein konnte. Es hatte lediglich einen gezielten Schlag gebraucht, um ihn bewusstlos zu Boden gehen zu lassen. Zugegeben, dass sie ihn in den Teppich eingerollt hatte war eine blöde Idee gewesen, wer würde je die Flecken wieder herausbekommen? Doch so war es leichter, ihn nachts ans Heck zu zerren.
Sie holte aus und warf das Beweisstück schwungvoll ins Meer. Kia betrachtete die Juwelenkette, die im Mondlicht glänzte, und grinste. Sie hatte ihm ja gesagt, sie würde sie verlieren. Einen Moment tanzte sie in den Wellen, die sich am Rumpf des Schiffes schäumend brachen, dann jedoch geriet sie in die Schiffsschrauben und wurde unter Wasser gedrückt.
"Da hast du sie wieder." Sie prostete dem Meer zu und lächelte triumphierend. "Nur das Beste für dich, Schatz."
Nur das Beste für dich, Schatz
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